Kinderzimmer = Klassenzimmer

Wie funktioniert der Unterricht zu Hause im erneuten Lockdown? Vergangene Woche haben wir aus Sicht des Gymnasiallehrers das Thema Distanz- und Wechselunterricht beleuchtet. Heute wollen wir Stimmen und Erfahrungen von Eltern bzw. Schüler einholen. Natürlich kann sich jeder nur subjektiv zu diesem Thema äußern. Es sitzen bekanntlich alle in einem Boot, doch inwieweit gehen die Erwartungshaltungen der Eltern und Schule tatsächlich auseinander?

Buntstifte alleine reichen nicht mehr, WLAN, Computer, Handy, idealerweise ein Scanner, auf jeden Fall ein Drucker gehören zur Ausstattung für das Homeschooling. Die digitale Unterrichtsentwicklung mutet einem Raketenstart an. Von Null auf Hundert! Noch vor einem Jahr gingen alle brav zur Schule und heute sind die Kinder kleine IT Experten. Es haben sich Chancen – für Schüler und Lehrer – aufgetan, die es so vermutlich in Jahren nicht gegeben hätte. Allerdings sind sich bereits jetzt alle einig: schwache Schüler und Schüler, die durch ihre soziale Herkunft benachteiligt sind, werden die Verlierer sein.

Schülerin, 7 Jahre, 1.Klasse, Grundschule Kreuzschule // Schüler, 10 Jahre, 5. Klasse, Pindl Realschule)

Die Mutter zweier Kinder treffe ich telefonisch an, während der Sohn in der Mittagsbetreuung sitzt. Natürlich virtuell über MicrosoftTeams  vom Kinderzimmer aus. „Das ist für mich eine große Erleichterung. Hier macht er von Montag bis Donnerstag von 14 – 15.30 Uhr seine Hausaufgaben, Vokabeln werden abgefragt und er kann jederzeit zum Stoff Fragen stellen.“ Sie ist im Prinzip sehr zufrieden wie der Distanzunterricht angelaufen ist. Um 8 Uhr morgens wählt er sich bei Teams ein und hat dann Unterricht bis 13 Uhr. Der Unterricht läuft für den 10-jährigen Realschüler nach Stundenplan:  Haupt- und Nebenfächer. Sport fällt allerdings aus, da haben die Kinder frei und die Pause soll nicht vor dem Computer verbracht werden. „Man darf sich das aber nicht wie einen permanenten Frontalunterricht vorstellen. Es gibt Zeiten mit Stillbeschäftigung, wo die Kinder selbst was erarbeiten, genauso wie sie zusammen basteln oder auch mal einen Film anschauen. Schriftliche Tests gibt es derzeit nicht, Noten bekommen die Schüler momentan nur durch Ausfragen.“, so die engagierte Mutter.

Für ihre Erstklässlerin gibt es noch keinen Distanzunterricht. Hier steckt die Lehrerin am Sonntag in alle Briefkästen ihrer Schüler die Arbeitsblätter mit klaren Anweisungen, Wochenplan und Zusatzaufgaben für die anstehende Woche. Im Moment hat die emsige Schülerin großen Spaß an der „Schule Zuhause“ und wenn sie noch Lust hat, kann sie weitere Aufgaben machen, die via Padlet (virtuelle Lernplattform) von der Lehrerin zur Verfügung gestellt werden.  Am Freitag bringen die Eltern die erledigten Blätter an die Schule zur Kontrolle zurück. Der Unterricht beginnt für die 7-Jährige täglich mit einem virtuellen Morgengruß, anschließend erledigt sie selbständig die Arbeiten. Die Mutter weiß, dass es sicher Kinder in der Klasse gibt, für die es nicht so locker läuft. Für Rückmeldungen steht die Lehrerin per Mail oder Whatsapp zur Verfügung. Die Ausstattung im Haus ist ausreichend. Der Vater sitzt nebenan im Homeoffice mit Arbeitslaptop.

Padlet – Darstellung für Unterricht 3. Klasse

Schüler 16 Jahre, 10. Klasse, Albrecht Altdorfer Gymnasium //  Schüler 14 Jahre, 8. Klasse, Realschule Judenstein)

Eine gute Erreichbarkeit attestiert die Mutter von zwei Jungen ebenfalls den Lehrern ihres Sohnes am Judenstein, die schnell bei Problemen und Fragen an die Schüler rückmelden. Nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten, die erforderlichen Informationen zu finden, läuft es nun gut. Das ist umso erfreulicher, da es bis zum Schulstart gar keine Infos für die Eltern gab, lediglich unter Androhung von Verweisen, dass Distanzunterricht verpflichtend sei. Anders lief es beim älteren Sohn, dem 16-jährigen Gymnasiasten, wo es im Vorfeld ausführliche Informationen zu den anstehenden Wochen gab.

Dennoch meint die Mutter: „In beiden Schulen findet zu wenig Unterricht im eigentlichen Sinne statt. Maximal eine „Konferenz“ pro Tag und zum Teil dient diese nur einer kurzen Anwesenheitskontrolle.“. Sie sieht nur (sehr) viele Arbeitsaufträge. Und da der Distanzunterricht scheinbar noch länger anhalten wird und sich damit die Situation nicht ändern wird, eignet sich die Art der aktuellen Wissensvermittlung und die damit verbundenen Lernstandkontrollen, um mündlichen Noten zu erheben, nicht.

Startseite Mebis, was immer wieder in der öffentlichen Kritik steht

Abiturientin, 18 Jahre Q12, Albertus Magnus Gymnasium

Richtig kompliziert wird es für die diesjährigen Abiturenten. In ihrer Q11 fand im Frühjahr der erste Lockdown mit vielen Ausfällen statt. Jetzt sind sie im sogenannten 3. Semester (Q12/1) und der Unterricht findet auf Distanz statt. Die 18-jährige Abiturientin ist sehr zufrieden, dass die Schule zum Jahreswechsel von Mebis auf MicrosoftTeams umgestellt hat. Diese Plattform ist für den „Klassenunterricht“, der erst nächste Woche starten wird, besser und auch in der Handhabung einfacher. „Das Schwierigste ist, dass ich mich zu 100% selbst motivieren muss! Besonders schwer ist das in Mathe, was mir sowieso nicht so leicht fällt.“ Die Qualität des Distanzunterrichts hängt vom Lehrer ab, aber das unterscheide sich nicht vom Präsenzunterricht, meint sie zwinkernd. Die Abiturprüfung wurde vom Kultusministerium zwischenzeitlich um 14 Tage nach hinten verschoben. Ob es dabei bleibt? Wer weiß.  Schon jetzt ist Stoff gestrichen worden.

Die Angst, ein zweitklassiges Abitur zu schreiben hat Schüler aus Sachsen bewogen eine Petition „Faires Abitur 2021“ zu starten.

Text: Claudia Fritsch

Hier der Link zum Artikel “Geht das Schuljahr den Bach runter?”

2 Kommentare

  1. Meine Tochter ist 15,geht in die Abschlussklasse der Niedemünster Realschule.
    Ich kann eigentlich nur Positives berichten.
    Der Unterricht läuft gut, die Technik funktioniert problemlos und die Lehrkräfte kümmern sich engagiert um ihre Schüler.
    Es gibt also auch erfolgreiches Lernen mit Homeschooling.
    Ich wünsche diese Erfahrung allen Schülern, Lehrern und Eltern.

  2. “Die Qualität des Distanzunterrichts hängt vom Lehrer ab, aber das unterscheide sich nicht vom Präsenzunterricht, meint sie zwinkernd.” – Schöne Erinnerung an die eigene Schulzeit 🙂 Umso wichtiger, dass die engagierten Lehrer*innen dabei bleiben.

    Vielen lieber Dank an die Familien für den Einblick und allen Lehrer*innen und Schüler*innen die vor oder hinter der Laptop-Kamera die Stellung halten. Eine viel zu selten gesagte Sache in dieser Zeit. Danke! Die Bildung, die ihr heute in Eigeninitiative erarbeitet, kann euch später niemand mehr nehmen.

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