Lebe weiter, Sabinchen! (7)

Was bisher geschah

Lebe weiter, Sabinchen! (7)

Bernd Helmer lief vor der automatischen Schiebetür der Intensivstation auf und ab. Zwischenzeitlich setzte er sich immer wieder auf einen der Besucherstühle, die an der Wand standen. Doch dann sprang er auf und blickte den langen, dunklen Flur entlang, der die Intensivstation mit dem Treppenhaus verband. Ab und zu sah man eine Schwester oder einen Pfleger die Treppen hoch- oder runtergehen. Dann war es wieder still. Und dieses endlose Warten war unerträglich.

Vor ziemlich genau vier Jahren war seine Frau gestorben. Vor vier Jahren hatte er ebenfalls vor der Tür einer Intensivstation gestanden – und hatte gewartet, war auf und ab gegangen und hatte schließlich die schreckliche Mitteilung bekommen, daß alle Bemühungen umsonst gewesen waren. Seine Frau war während der Operation in der Unfallchirurgie gestorben.

Bernd Helmer merkte, wie ihm die Tränen in die Augen schossen. Bilder aus der Vergangenheit stellten sich ihm vor Augen. Sie verfolgten ihn wie schwarze Schattengestalten – egal, wo er auch seinen Blick hinwenden mochte.

Damals hatte Karin die dreijährige Tochter zum Kindergarten gebracht und war dann mit dem Fahrrad zum Einkaufen gefahren. Bernd Helmer war ausnahmsweise früher aus der Arbeit gekommen und hatte sich entschlossen, Sabinchen vom Kindergarten abzuholen, um seine Frau etwas zu entlasten. Und dann? Ein Alptraum! Er fuhr mit Sabinchen die wenigen Kilometer vom Kindergarten zu ihrer kleinen Wohnung, als ein Polizist ihn in der Ostengasse plötzlich rechts ran winkte.

Etwas weiter vorn, kurz vor dem historischen Ostentor, stand ein LKW quer auf der Fahrbahn. Rettungssanitäter rannten mit Koffern und einer Trage auf den LKW zu. Offensichtlich hatte es Verletzte gegeben. Bernd Helmer sah den Reifen eines Fahrrades, er sah den Arm einer Frau. Die Sanitäter zogen die Frau unter dem schweren Fahrzeug heraus. Nein! Das konnte nicht sein, das durfte nicht – Sabinchen schrie, Bernd Helmer sprang aus dem Wagen: „Karin!…“

Bernd Helmer klammerte sich an eine Hand, die irgend jemand auf seine Schulter gelegt hatte.
„Bernd“, sagte eine zarte Stimme, „Bernd!“
Was war nur passiert? Hatte er tatsächlich laut geschrieen? Und was war das für eine Hand, die er nicht

loslassen wollte?
Vorsichtig drehte er sich um und erkannte, daß Schwester Susi hinter ihm stand. Noch immer hielt er ihre

Hand. Er hatte Tränen im Gesicht. Aber Susi lächelte ihn verständnisvoll an.
„Setzen wir uns einen Moment?“, sagte sie.
Bernd ließ ihre Hand nun los und drehte sich zur Wand. Niemand sollte ihn weinen sehen, niemand sollte

ihn bemitleiden.
„Wissen Sie, wie es Sabinchen geht?“, brachte er schluchzend hervor.
„Ja“, antwortete Schwester Susi ruhig, „ich komme gerade von der Intensivstation. Ihr Zustand ist kritisch,

aber stabil. Dr. Jähler hat sie intubieren müssen.“
„Das heißt, sie wird jetzt künstlich beatmet?“
„Ja, Bernd. Ich darf doch noch ‚Bernd’ zu Dir sagen?“
Schwester Susi hätte in diesem Moment alles sagen dürfen. Denn Sabinchen lebte. Das war das Wichtigste. „Darf ich zu ihr gehen – Susi?“, wollte Bernd wissen und drehte sich zu ihr hin.
„Ich glaube schon“, antwortete die Schwester bedächtig, „aber warte hier bitte auf Professor Gabriel. Er

wird bestimmt gleich kommen und dir Genaueres sagen können. Ich gehe jetzt nach Hause und ruhe mich etwas aus.“

Bernd sah Susi an und konnte nichts sagen. Er war dankbar, daß sie ihm die Hand gereicht hatte. Und fast war er versucht, sie zu bitten, noch etwas da zu bleiben. Susi war immer noch so schön wie damals auf dem Abschluß-Foto der Albert-Schweizer Schule. Ihre dunkelblonden Haare waren ganz leicht gewellt und zu einem Pferdezopf gebunden. Und ihre Augen strahlten wie zwei klare Diamanten.

„Danke“, flüsterte er ihr leise zu.
„Danke? Aber wofür? Ich habe nichts Besonderes getan!“
„Doch“, entgegnete Bernd, „du warst da, du warst einfach nur da!“
„Und morgen komme ich wieder“, sagte Susi etwas verlegen.
Bernd und Susi schauten sich lange und tief in die Augen. War da noch immer etwas von der Liebe zu

spüren, die sie einstmals verband? Schwester Susi spürte ein warmes Kribbeln in ihrem Bauch, und sie fragte sich, ob es Bernd wohl genauso ging. Sie konnte nicht anders, als ihm sanft und mitfühlend über’s Haar zu streicheln. Ja, so hatte es sich vor Jahren auch angefühlt. Damals, als sie frisch verliebt gewesen waren und von einem gemeinsamen Leben geträumt hatten. Als nichts und niemand ihrem jungen Glück etwas anhaben konnte.

„Erinnerst du dich noch an unseren ersten gemeinsamen Abend?“, fragte sie halb träumend und gab Bernd schnell einen Kuß auf den Mund. Dann drehte sie sich um und lief den Flur entlang zu dem hellen

Treppenhaus der Klinik, über dessen Stufen sie eilenden Schrittes entschwand.
Bernd dachte nach. Wo hatten sie sich denn damals zum ersten Mal verabredet, Susi und er? Auf der

Steinernen Brücke war es gewesen, genau unter dem Bruckmandl. Dort hatten sie sich schüchtern um-armt und waren dann hinunter zur Jahninsel gelaufen, um es sich auf der Wiese direkt am Fluß bequem zu machen. Sie hatten lange nebeneinander gesessen und gar nicht bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war. Schließlich hatte er sich endlich getraut. Er hatte Susi sanft zu sich gezogen und sie zum allerersten Mal geküßt…

Bernd spürte ein Vibrieren in seiner Brusttasche: das Handy meldete einen Anruf. Automatisch griff er nach dem Telefon und sah auf das Display: es war Britta.

„Ich bin auf dem Weg nach Hause“, sprach sie aufgeregt in die Leitung. „Ich habe den Nachtzug genommen und morgen früh werde ich in der Klinik sein.“

„Schön, daß du kommst“, antwortete Bernd mechanisch, „Sabinchen wird sich freuen. Die Ärzte haben sie an die Beatmungsmaschine anschließen müssen, aber ihr Zustand ist stabil. Also dann, bis morgen.“

„Kann ich noch irgendetwas…“
Mit einem Knopfdruck beendete Bernd das Gespräch und schaltete das Mobiltelefon aus.
Er wunderte sich ein wenig über sich selbst. Hatte er nicht ständig auf Brittas Anruf gewartet? Und jetzt,

da sie angerufen hatte, wollte er nicht wirklich mit ihr reden. War das überhaupt noch die Frau, von der er dachte, sie zu lieben? Ihre Stimme klang auf einmal so anders, irgendwie fremd!

Die automatische Schiebetür zur Intensivstation öffnete sich mit einem zischenden Geräusch und mit langsamen Schritten trat Prof. Gabriel auf Bernd Helmer zu.

Der Professor sah müde aus. Er hatte den ganzen Tag hart gearbeitet und die Sorgen, die er sich wegen Sabinchen machte, lagen unübersehbar auf seinen Gesichtszügen. Dennoch bemühte er sich um aufmunternde Worte. Er erlaubte Bernd Helmer, noch kurz nach Sabinchen zu sehen, aber dann solle auch er sein Töchterchen der Obhut der Nachtschwestern überlassen.

„Wir haben getan, was wir konnten“, sagte der Professor, „und morgen versuchen wir noch etwas mehr zu tun. Einverstanden?“

Bernd Helmer drückte dem Professor wortlos die Hand. Dann ging er zur Nachtschwester, die am Eingang der I 2 auf ihn wartete, und verschwand hinter der großen Glastür.

Der Professor blieb noch eine Weile stehen. Durch die geöffnete Tür hatte er noch mal das „knack-pff“ der Beatmungsmaschine gehört. Sie muß leben, dachte er, sie muß leben!

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