Lebe weiter, Sabinchen! (9)

Was bisher geschah

Lebe weiter, Sabinchen! (9)

Dr. Schmelzer, der gerade mit einer dringenden Notoperation fertiggeworden war, betrat sein Dienstzimmer. Es war mittlerweile halb elf. Zeit, nach Hause zu gehen, dachte er. Er hängte seinen Kittel an den Kleiderhaken, wusch sich noch mal die Hände und zog seine Jacke an. Im selben Moment klopfte es dreimal kurz an die Tür.

„Immer herein, wenn’s kein Chefarzt ist“, rief er.
Der Professor trat herein, schloß die Tür und sah seinen Kollegen lange und ernst an.
„Kann ich irgend etwas für Sie tun, Herr Professor?“
Prof. Gabriel schwieg. So hatte ihn Doktor Schmelzer noch nie gesehen. Aschgrau im Gesicht und mit

zerfurchter Stirn begann der Professor zu reden:
„Tja, Herr Kollege, es ist wieder einmal spät geworden. War Ihre Operation denn erfolgreich?“
Dr. Schmelzer nickte. Er wußte, daß es dem Professor um etwas ganz anderes ging. Außerdem hatte er

natürlich mitbekommen, daß Sabinchen auf die Intensivstation verlegt worden war.
„Sie muß leben!“, fuhr Prof. Gabriel unvermittelt fort und fügte energisch hinzu: „Es kann doch nicht sein, daß dieses Kind stirbt, nur weil wir nicht in der Lage sind, den Krankheitsherd zu finden. Wenn es sich um eine bösartige Geschwulst handelte, deren Sitz im Körper uns bekannt wäre, dann könnten wir dagegen ankämpfen, dem Feind sozusagen ins Auge sehen. Vielleicht würden wir uns dann irgendwann eingestehen, daß der Krebs stärker ist als wir. Aber bei Sabine Helmer kämpfen wir gegen ein Phantom, gegen einen

unsichtbaren Gegner, der sich nicht zu erkennen gibt.“
Der Professor war sichtlich erregt und seine graue Gesichtsfarbe war auf einmal wie verflogen.
„Verstehen Sie, was ich meine, Herr Kollege?“, schloß er seine emphatische Äußerung.
Doktor Schmelzer konnte die Gefühle des Chefarztes nur zu gut verstehen. Denn es ging ihm ja genauso. „Aber“, antwortete er dem Professor, „vielleicht müssen wir uns manchmal zwingen, die Dinge von einer

anderen Seite aus zu betrachten.“
„Wie meinen Sie das, Doktor Schmelzer? Erklären Sie es mir doch! Vielleicht sehe ich vor lauter Bäumen

den Wald nicht mehr. Erklären Sie es mir, als ob ich sieben Jahre alt wäre!“
„Nun ja“, sagte Dr. Schmelzer mit nachdenklicher Miene. „Sie haben vorhin gesagt: ‚das Kind muß leben’.

Was aber, wenn es gar nicht leben will?“
„Sie meinen…?“
„Gar nichts meine ich. Natürlich will jeder Mensch leben und bemüht sich nach Kräften, gesund zu

werden. Aber da genau liegt vielleicht das Problem. Denn die eigenen Kräfte reichen nicht immer aus, den Genesungsprozeß zu unterstützen.“

„Das ist schon richtig“, beteuerte Professor Gabriel. „Ich weiß, daß mangelnder Lebensmut durchaus sogar in der Lage sein kann, Krankheiten auszulösen. Aber nehmen wir mal an, Sabinchen hat tatsächlich keinen rechten Mut mehr.

Vielleicht, weil sie sich so sehr eine funktionierende Familie wünscht oder weil sie die ständigen Klinik- aufenthalte nicht mehr ertragen kann. Dann haben wir zwar möglicherweise einen von vielen Gründen, der die Genesung blockiert, aber, lieber Kollege, wir sind trotz größter Anstrengungen immer noch nicht in der Lage, eine präzise Diagnose zu stellen. Das ist nun mal die Situation. Und ich möchte mich nicht damit abfinden müssen.“

Während der Professor gesprochen hatte, war Dr. Schmelzer ans Fenster getreten. Er sah hinaus und betrachtete die Sterne: Millionen goldener Punkte.

„Sie haben recht, Herr Professor“, sagte er leise, „wir dürfen nicht aufgeben. Im Moment kann Sabinchens Krankheit tausend verschiedene Ursachen haben. Aber so wie sich die Sterne im Verlauf des Abends und der Nacht nach und nach erst zeigen, so wird sich auch die Lösung unseres Problems irgendwann zeigen. Irgendwo da oben leuchtet auch für Sabinchen ein Stern. Und wir werden ihn aufgehen sehen. Da bin ich mir ganz sicher.“

Professor Gabriel hatte Dr. Schmel-zer angerührt zugehört und sich ebenfalls an das Fenster gestellt. Freundlich ragten die Kronen der alten Nußbäume über das Klinikdach, als wollten sie das Schicksal gnädig stimmen und sagen: es wird alles gut.

***

Schwester Susi lag wach in ihrem Bett. Ein Blick auf den Wecker verriet, daß es bereits nach drei Uhr war. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Sie hatte nun den ersten Arbeitstag in der Donauklinik hinter sich gebracht. Und obwohl sie ihre Sache sicher gut gemacht hatte, war ihr nicht so recht nach Freuen zumute.

Sie ließ den vergangenen Tag wieder und wieder vor ihrem inneren Auge ablaufen: die Begegnung mit Sabinchen, gleich darauf das Zusammentreffen mit Bernd, und dann – wie aus heiterem Himmel –

Sabinchens Zusammenbruch.
Unruhig warf sich die zierliche Schwester von einer Seite auf die andere. Das Knacken der

Beatmungsmaschine ging ihr nicht mehr aus dem Kopf – dieses rhythmische Geräusch, welches wie ein künstlicher Herzschlag den Takt des Lebens schlug: knack-pfff! Was hatte Prof. Gabriel gesagt? Kaum wahrnehmbar, kaum wahrnehmbar! Die Worte des Professors hatten sich wie Flammen in ihr Herz gebrannt. Aber warum? Weshalb ließen sie diese Worte nicht los?

Soviel Schwester Susi auch darüber nachdenken mochte, sie fand keinen Weg aus dem Labyrinth ihrer nächtlichen Gedanken.

***

So ein Ärger, dachte Prof. Gabriel. Jetzt haben diese Eisbären doch glatt verloren. Wieso habe ich Rindviech aber auch das Radio eingeschaltet? Da freut man sich auf ein paar Takte Musik am Morgen, und dann? Naja, es kann ja nur aufwärts gehen.

Der Professor betrat die Kantine.
„Ihre MZ?“, fragte Schwester Hel-ga überfreundlich.
Doch Prof. Gabriel wehrte ab: Lassen Sie mich nur in Ruhe damit. Wer weiß, was da noch alles an

Hiobsbotschaften drinsteht.“
„Sie haben mal wieder verloren, nicht wahr?“ Schwester Erika sah den Professor verwundert an. „Sagen

Sie mal, wo haben Sie denn Ihren Hut gelassen?“
„Meinen Hut?“
„Ja. Sie kommen doch normalerweise nie ohne Hut. Jetzt, wo es so kalt ist.“
„Tja, dann habe ich ihn eben heute mal vergessen. Aber daran sind nur die Eisbären schuld! Die machen

einen ja ganz meschugge.“
Schwester Erika schüttelte amüsiert den Kopf.
„Nehmen Sie doch Platz, Herr Professor“, sagte sie, „ich bringe Ihnen gleich den Kaffee. Und ärgern Sie

sich nicht so sehr. Jetzt steht ja bald Weihnachten vor der Tür. Übrigens weiß ich heuer gar nicht, was ich meinem Mann schenken soll.“

„Wie wär’s mit einer Dauerkarte bei den Eisbären?“
„Ach, Sie scherzen, Herr Pro-f
essor!“
„Nein, das ist mein voller Ernst. Dort gibt es wenigstens immer was zu lachen. Naja, manchmal vielleicht.

Aber solange sie noch in der zweiten Liga sind…“
„Jetzt malen Sie aber den Teufel nicht an die Wand. Das wird schon wieder. Außerdem hat mein Erwin

bereits eine Dauerkarte. Sagen Sie mir also lieber, was man einem Mann, der eigentlich alles hat, zu Weihnachten schenken kann.“

„Ich denke darüber nach. Einverstanden?“

Professor Gabriel wollte gerade an einem der Tische Platz nehmen, als Lernschwester Bibi ihm schüchtern zuwinkte. Sie bat ihn, sich an ihren Tisch zu setzen. Warum eigentlich nicht, dachte der Professor. Er setzte sich also zu Bibi und fragte, ob sie denn etwas auf dem Herzen habe.

„Auf dem Herzen habe ich viel“, sagte die Lernschwester, die eigentlich immer unglücklich verliebt war. Das hatte sich längst herumgesprochen in der Klinik.

„Geht es um einen Jungen?“, erkundigte sich Prof. Gabriel fürsorglich.

„Nein, ausnahmsweise nicht. Ich mache mir nur Gedanken über Frau Gruber. Gestern hat sie nämlich so komische Dinge gesagt. Von wegen, daß man nie weiß, wann man sterben wird, und daß sie viel an den Tod denkt in letzter Zeit. Kann man denn an einem Schenkelhalsbruch wirklich sterben?“

„Es kommt darauf an“, sagte der Professor. „Also ein Schenkelhalsbruch an sich ist natürlich nicht tödlich. Aber manchmal werden durch einen Sturz auch andere Körperbereiche in Mitleidenschaft gezogen. Und ein geschwächter Organismus ist sehr anfällig für allerhand Krankheiten. Aber wie ich Frau Gruber einschätze, sorgt sie sich nicht akut. Dafür ist sie viel zu klug. Dennoch hat sie das Recht, wie alle Menschen übrigens, sich über ihren Tod Gedanken zu machen. Warum auch nicht. Er ist Teil unseres Lebens.“

„A propos“, mischte sich Schwester Erika in die Unterhaltung ein. Sie war mit einem großen Tablett gekommen und stellte dem Professor ein paar Semmeln, Butter, Marmelade, Wurst, Kaffee und ein weichgekochtes Ei vor die Nase.

„Wer soll denn das alles essen?“, fragte der Professor.

Schwester Erika ging aber gar nicht darauf ein. Stattdessen ließ sie den Professor wissen, wie wunderbar die Beerdigung vom Gassner Franz gewesen sein müsse. Eine Freundin habe ihr davon erzählt. Ein Volksmusik-Trio habe gespielt und zum Schluß habe man ihm sogar seinen geliebten Trachtenhut mit ins

Grab gegeben.
„Der Gassner Franz!“, rief der Professor belustigt aus. „Ja, so habe ich ihn gekannt. Die Nummer mit dem

Hut hat er wahrscheinlich irgendwo am Stammtisch ausgeheckt.“
Prof. Gabriel mußte herzlich lachen. Plötzlich aber kam ihm eine Idee.
„Schwester Erika“, sagte er, „warum schenken Sie Ihrem Mann denn nicht einfach einen Hut?“
„Einen Hut?“
„Ja. Soweit ich weiß, läuft er doch immer oben ohne herum und kommt dann am liebsten sonntags abends

mit Ohrenschmerzen zu mir! Schenken Sie ihm einen Hut. Dann spare ich mir die Privatkonsultationen und Ihr Mann tut etwas für sein Äußeres.“

„Ja wenn Sie meinen!“, gluckste Schwester Erika. „Aber ist das etwas, was man zu Weihnachten verschenkt?“

„Einem Mann schon“, antwortete der Professor. „Sie kennen ja den Spruch ‚ein Königreich für einen Hut‘!“

„Heißt das nicht eher ‚ein Hut von König‘?“

„Kann sein. Auf jeden Fall ist mein Hut ein Hut von Hutkönig und ich habe ihn zu Weihnachten geschenkt bekommen. Und wie Sie wissen, trage ich ihn jeden Tag, meinen Hut!“

„Außer heute“, tönte Schwester Erika triumphierend. „Aber daran sind ja die Eisbären schuld.“

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