Heile Welt für ein paar Groschen

„Für jede Episode erhalten Sie ein ausführliches, 1- 2- seitiges Exposé zur Handlung sowie ein Figurenregister. Sie formulieren daraus eine Geschichte mit ca. 64 Druckseiten (entspricht ca. 100 Normseiten bzw. 180.000 Zeichen mit Leerzeichen). In der Regel haben Sie dafür 4 – 6 Wochen Zeit.“, so der Auszug aus einer Online Anzeige.
Es geht um einen lukrativen Geschäftszweig, den der Heftromane oder vielen besser bekannt als Groschenromane. Die Anzeige liest sich wie Fließbandarbeit und so ist es auch. Viele Autoren sind nötig. Im Mittelpunkt der 64 dünnen Seiten geht es immer um Leben, Liebe, Leiden, einer obligatorischen Katastrophe und natürlich um ein Happy End.  

64 Seiten auf dünnem Recyclingpapier

Wer glaubt, ein Groschenroman sei ein Relikt aus früheren Jahren, irrt gewaltig. Groschenromane sind hipp wie eh und je. Optisch haben sie ihr Layout behalten, sind nach wie vor überwiegend am Kiosk und in Einkaufsmärkten erhältlich, doch die großen Verlage gehen mit der Zeit. Seit 2010 sind die beliebten Heftromane auch als E-pub erhältlich und die wichtigen Hauptakteure haben auch eigene Webseiten.

Bei Groschenromanen rümpfen erst einmal viele die Nase, „keiner“ hat einen „Schundroman“ gelesen. Was ist das Geheimnis der Trivialliteratur?  „Einfach, spannend und erschwinglich“, könnte man es beschreiben. Der Leser weiß vorauf er sich einlässt. Die Geschichte ist gut lesbar, keine zu langen Sätze, im Schnitt elf Wörter, kein Sex, keine Religion, keine Politik, keine Fremdwörter und natürlich eine Geschichte, die man an einem Nachmittag zu Ende lesen kann. Der Leser sucht nicht die hohe Literatur, sondern Lebenshilfen. Das Genre deckt die meisten Bedürfnisse ab, egal ob Western, Krimi, Science Fiction, Liebe, Heimat, Adel oder den vertrauensvollen Arzt. Arzthefte sind im Übrigen immer blau.  

Der Bergdoktor, Jerry Cotton oder Dr. Stefan Frank – der Arzt, den Frauen lieben gaben die Vorlagen für beliebte Fernsehserien. Der Bergdoktor heißt im Heft Dr. Martin Burger und beim ZDF Dr. Martin Gruber und beide praktizieren in den Alpen. Ähnlichkeiten sind erwünscht.

Groschenromane bilden meist abgeschlossene Bände oder Kurzserien. Anders ist es bei der Science Fiction Reihe Perry Rhodan, die seit 1961 erscheint. In der ersten Folge betrat Perry Rhodan als erster Mensch den Mond. Wir schreiben das Jahr 1971. Seine Missionen in neue unbekannte Welten sollen einer zukünftig besseren Menschheit dienen. Seine Zeitreise geht seit damals immer weiter und weiter und er befindet sich aktuell etwa bei 4000 n.Chr. Bisher sind ohne Unterbrechung über 3150 Folgen jede Woche erschienen.

Erstaunlich sind die Auflagenzahlen von Groschenromanen. In den 1950er Jahren wurden in Deutschland über 160 Heftreihen aufgelegt und rund 80 Mio Exemplare jährlich verkauft. Die auflagenstärksten und erfolgreichsten Jahre waren die 1980er mit jährlich 300 Mio verkauften Exemplaren. Viele Helden sind im Laufe der Jahrzehnte auf der Strecke geblieben, andere dagegen leben noch heute: Geisterjäger Sinclair, Jerry Cottan, Perry Rhodan, Julia, der Bergdoktor und Dr. Stefan Frank um nur einige zu nennen. Der beliebteste deutsche Westernautor G.F. Unger zählt mit einer Rekordauflage von über 250 Millionen Exemplaren zur internationalen Spitzenklasse der Spannungsliteratur. Natürlich hat er nicht alle Romane selbst geschrieben, viele Autoren werden von einem Team unterstützt. Die namhaftesten Groschenromane erscheinen im Verlag der Bastei Lübbe AG und werden in verschiedene Sprachen übersetzt. Die Auflage liegt derzeit bei 22 Millionen pro Jahr. Die Auflagen sind zwar rückläufig, aber die großen Verlage wie Kelten, Cora und Bastei Lübbe wissen, dass ihr treue Leserschaft inzwischen 60 und älter ist. Den Nachwuchs versuchen sie über moderne Formate wie E-Book und Social Media zu gewinnen.

Text und Fotos: Claudia Fritsch

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